Sterbehilfe

Viele Menschen machen sich Gedanken darüber, wie sie sterben wollen. Sie haben Angst davor, allein und einsam sterben zu müssen. Oder eine lange Zeit auf Hilfe und Pflege angewiesen zu sein, womöglich Schmerzen zu haben oder künstlich am Leben erhalten zu werden. Die Menschen fürchten sich vor allem deshalb davor, weil es in unserer Gesellschaft als negativ gesehen wird, wenn man von anderen abhängig ist. Wir leben leider in einer Welt, in der Menschen eine bestimmte Menge an Sachen können müssen, zum Beispiel Laufen oder Sehen. Und wenn sie diese Fähigkeiten nicht haben, dann gelten sie in unserer Gesellschaft als „fehlerhaft“.

Unsere ganze Gesellschaft baut darauf auf, dass Menschen nicht einfach aufgrund ihres Menschseins wertgeschätzt werden, sondern dass sie dafür etwas können und leisten müssen. Das ist zum Nachteil vieler Menschen, die auf Unterstützung oder Pflege angewiesen sind. Das nennt man auch Ableismus.

Wir wünschen uns eine Gesellschaft, in der es bestmögliche Lebensbedingungen für alle Menschen gibt, egal ob sie auf Unterstützung angewiesen sind oder nicht.

Heutzutage ist es so, dass Angehörige oft nicht genug Zeit und Geld haben, sich zu Hause um Kranke und Alte zu kümmern. Und die Bedingungen in Alters- und Pflegeheimen sind oftmals schlecht. Zum Beispiel weil es zu wenig Personal gibt, das nicht ausreichend Zeit hat, sich richtig um die Menschen zu kümmern. In unserer kapitalistischen Gesellschaft unterliegt das Gesundheitssystem immer mehr ökonomischen Zwängen, viele Leistungen werden privatisiert. Das führt dazu, dass sich Menschen mit mehr Geld eine bessere medizinische Versorgung leisten können. Die Krankenkassen sparen, um kein Minus zu machen. Kranke und alte Menschen werden in dieser Logik zunehmend als finanzielle Last gesehen. Zum Beispiel bekommen Menschen im Alter nicht mehr alle medizinischen Leistungen. Oder sie können sich kein gut ausgestattetes Altenheim leisten. Aber anstatt über die Verbesserung dieser Bedingungen zu diskutieren, wird seit vielen Jahren immer wieder über Sterbehilfe diskutiert. Also im Endeffekt darüber, wie man es Menschen leichter machen kann, zu sterben.

Was genau ist Sterbehilfe?

Sterbehilfe meint, dass man einen Menschen auf seinen Wunsch hin beim Sterben unterstützt. Wenn man das aktiv tut, dann heißt das auch „Tötung auf Verlangen“ – so zum Beispiel, wenn man einem Menschen ein tödliches wirkendes Mittel verabreicht. Eine weitere Form der Sterbehilfe ist die Beihilfe, das heißt, wenn man jemandem tödliche Medikamente zur Verfügung stellt, mit denen der Mensch sich selbst umbringt. Passive Sterbehilfe bedeutet, dass man keine lebensverlängernden Maßnahmen einleitet oder diese einstellt. Die sogenannten Lebensschützer  unterscheiden nicht zwischen verschiedenen Formen der Sterbehilfe, sie lehnen Sterbehilfe in jeglicher Form ab.

In Deutschland ist seit November 2015 geschäftsmäßige Sterbehilfe verboten, um zu verhindern, dass mit Sterbehilfe Geld verdient wird. Es ist richtig zu verhindern, dass aus dem Tod anderer Menschen Kapital geschlagen wird. Aktive Sterbehilfe ist ebenfalls verboten. Ansonsten ist aber ziemlich viel erlaubt.

Sterbehilfe als „Gnadentod“?

Krankheit, Behinderung und Alter werden oft mit Leiden in Verbindung gebracht. Es wird in der Gesellschaft oft ein Bild vermittelt, dass kranke, alte oder behinderte Menschen leiden und deswegen nicht mehr leben wollen. Sterbehilfe wird dann als eine Art „Gnadentod“ verhandelt. Das kann betroffene Menschen sehr unter Druck setzen, ihr Leben nicht mehr als wertvoll anzusehen. Das kritisieren wir sehr, denn es wird den Menschen und ihren Leben in keinster Weise gerecht. Viele Menschen kämpfen sehr für medizinische Maßnahmen und gute Unterstützung, die ihnen jedoch zu oft verwehrt wird. Genau deswegen kritisieren viele Selbstvertretungsvereine von Menschen mit Behinderungen Debatten um Sterbehilfe und setzen sich für ein Verbot von Sterbehilfe ein.

Euthanasie?

Die sogenannten Lebensschützer nennen Sterbehilfe „Euthanasie“. Aber dieser Begriff ist in Deutschland untrennbar verbunden mit den  während der NS-Zeit organisierten Tötungsprogrammen. Bei diesen Tötungsprogrammen wurden mehr als 270.000 Kinder, Psychiatriepatienten und behinderte Menschen auf systematische Weise ermordet. Grundlegend dafür war eine Ideologie, die zwischen „wertem“ und „unwertem“ Leben unterschieden hat. Die „Lebensschützer“ setzen heutige Sterbehilfe mit diesen systematischen Tötungsprogrammen gleich, indem sie den gleichen Begriff benutzen.

Doch ein Programm des organisierten Massenmordes im Nationalsozialismus ist nicht vergleichbar mit der Möglichkeit auf Sterbehilfe zur heutigen Zeit! Deshalb finden wir es falsch, Sterbehilfe als „Euthanasie“ zu bezeichnen.

Sterbehilfe und Suizid?

Die sogenannten Lebensschützer sagen, dass Menschen niemals über den eigenen Tod entscheiden dürfen, weil das Leben ein Geschenk Gottes sei. Das sehen wir anders.

Prinzipiell sollen Menschen das entscheiden dürfen. Es wird immer ganz individuelle Gründe geben, warum Menschen sterben wollen. Diese sind wichtig zu berücksichtigen. Aber diese individuellen Gründe sind zugleich nicht ohne die Bedingungen, in denen Menschen leben, zu denken. Deswegen ist es sehr wichtig, genau diese Bedingungen mit in Betracht zu ziehen. Und es ist wichtig, die Verhältnisse so zu verändern, dass Menschen möglichst nicht sterben wollen, sondern ihr Leben lebenswert finden.

Man muss zugleich zwischen Sterbehilfe und Suizid, also Selbstmord, unterscheiden. Es ist ein Unterschied, ob Menschen sich selbst dafür entscheiden, nicht mehr leben zu wollen. Oder ob auf der anderen Seite Möglichkeiten vom Staat geschafften werden, die Menschen dabei helfen zu sterben.

Es geht um die Bedingungen

Wäre Sterbehilfe jetzt komplett legal, könnten sich kranke und alte Menschen von dieser Möglichkeit unter Druck gesetzt fühlen, ihr Leben zu beenden. Um zum Beispiel anderen Menschen nicht ‚zur Last‘ zu fallen. Die Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass genau das passiert. Eine erste Legalisierung von Sterbehilfe führt oft dazu, dass die Regelungen dann immer weiter gelockert werden. In den Niederlanden zum Beispiel dürfen mittlerweile auch Menschen mit psychiatrischen Diagnosen, wie Depressionen, und schwer kranke Kinder auf ihren Wunsch hin getötet werden. Das zeigt deutlich, welche fatalen Folgen es haben kann, wenn man Sterbehilfe erlaubt. Um das zu vermeiden, ist es wichtig, eine klare gesetzliche Regelung zur Sterbehilfe zu haben.

Wir finden es wichtig, sich dafür einzusetzen, dass alle Menschen unter guten Bedingungen leben wollen. Das heißt auch, sich für ein Gesundheitssystem einzusetzen, das sich an den Bedürfnissen der Menschen ausrichtet und nicht an Profitinteressen. Für eine Gesellschaft einzutreten, in der es ganz selbstverständlich ist, dass wir alle auf die Hilfe anderer angewiesen sind.