Pränataldiagnostik

Eine Person in Jeans läuft mit einem Kleinkind mit roter Mütze an der Hand an einem Kiesstrand entlang. Das Kind trägt eine Plastik-Gießkanne.

Vorgeburtliche Untersuchungen, auch als Pränataldiagnostik (PND) bezeichnet, dienen in erster Linie dazu, nach möglichen Hinweisen für eine Behinderung des Fötus zu suchen. Es wird gecheckt, ob der Fötus „normal” oder „behindert“, „gesund” oder „krank” ist. Beispiele für solche Untersuchungen sind die Nackentransparenzmessung oder auch die Fruchtwasseruntersuchung. Das Ergebnis kann je nach Verfahren sein, dass eine gewisse Wahrscheinlichkeit (Prognose) für eine Behinderung des Fötus besteht oder dass eine bestimmte Abweichung definitiv vorliegt (Diagnose). Auch bei einer Diagnose ist oftmals nicht klar, wie stark die Beeinträchtigung tatsächlich sein wird. In sehr vielen Fällen entscheidet sich die Schwangere (und ihr Partner oder ihre Partnerin) bei einem vermuteten Risiko für einen Abbruch. Daher wird unter anderem von vielen Organisationen behinderter Menschen kritisiert, dass Pränataldiagnostik zur Selektion von Föten führt.

Das ist eine wichtige und richtige Kritik.

Wir finden, dass es ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch geben muss, aber kein Recht auf ein „gesundes” Kind geben kann. Das eine ist eine Entscheidung gegen eine ungewollte Schwangerschaft. Bei dem anderen geht es um die „Qualität“ des Kindes.

Pränataldiagnostik ist behindertenfeindlich

Viele Schwangere entscheiden sich für vorgeburtliche Untersuchungen. Es ist nämlich ziemlich schwer, sich dagegen zu entscheiden. Oftmals wissen Schwangere nicht mal, dass sie die Untersuchungen nicht machen müssen. PND ist zur Regel geworden und wird von Ärzten und Ärztinnen oder dem Umfeld angeraten, weil es „verantwortungsvoll“ sei. Seit 2012 ist in Deutschland ein Bluttest auf dem Markt, mit dem genetische Abweichungen, darunter auch Trisomie 21, bereits vor der 12. Woche bestimmt werden können. Durch diesen Test wird es durch eine einfache Blutuntersuchung möglich, Abweichungen zu erkennen. Schwangerschaften werden immer stärker medizinisch kontrolliert. So kann das Recht auf Nichtwissen kaum wahrgenommen werden.

Dass Schwangere sich für eine Abtreibung entscheiden, wenn eine Behinderung beim Fötus vorliegen könnte, wundert nicht. Eine Behinderung oder Beeinträchtigung zu haben, gilt noch immer als bemitleidenswerter Zustand der Abhängigkeit. Behindert ist bis heute ein beliebtes Schimpfwort. Viele Eltern(teile) behinderter Kinder hören oft, dass sie das doch hätten „vermeiden können”. Und zu oft fehlt es an Unterstützung in allen Lebensbereichen. Stattdessen werden behinderte Menschen noch immer ausgegrenzt und benachteiligt, ihnen werden Rechte vorenthalten. Ein gutes Beispiel dafür ist das aktuell verabschiedete Bundesteilhabegesetz, das ohne die Beteiligung von Menschen mit Behinderung erarbeitet wurde und gegen das es viel Protest gab.

Es ist wichtig, sich stark zu machen gegen die Benachteiligung und Diskriminierung von Menschen mit Behinderung und sich einzusetzen für eine wirkliche Inklusion.

Kein Mitleid,  sondern Selbstbestimmung!

Auch „Lebensschützer” behaupten, sich für Menschen mit Behinderungen einzusetzen. Sie schreiben: „Jeder Mensch ist gleich wertvoll, unabhängig von Eigenschaften und Umständen.“ Aber ihnen geht es in Wirklichkeit nicht um die Rechte von Menschen mit Behinderung oder echte Gleichstellung. Die sogenannten Lebensschützer benutzen das Thema Behinderung für ihre Argumentation gegen Abtreibung und bevormunden Menschen mit Behinderung. Für die sogenannten Lebensschützer sind Embryonen, Föten und behinderte Menschen gleich schützenswert als „schwächste Mitglieder unserer Gesellschaft”. Damit degradieren sie Menschen mit Behinderung und sprechen ihnen Selbstständigkeit und Freiheiten ab. Behinderung wird von ihnen als Strafe oder Prüfung Gottes angesehen und sie begegnen Menschen mit Behinderung vor allem eins mit Mitleid.

Aber Menschen mit Behinderung brauchen und wollen kein Mitleid, sondern Selbstbestimmung.

Es ist aber genauso wichtig, sich stark zu machen für das Recht auf Schwangerschaftsabbruch. Zur wirklichen Selbstbestimmung gehört das Recht, sich für oder gegen eine Schwangerschaft zu entscheiden – und zwar für alle Frauen, egal ob sie behindert sind oder nicht.

Es ist wichtig und möglich, Pränataldiagnostik zu kritisieren, ohne das Recht auf Schwangerschaftsabbruch abzulehnen.