Die Lebensschutzbewegung

Ein roter Tag "Lebst Du?" an einer türkisen Wand.

Als Lebensschutz galt in Deutschland seit den 1960er Jahren der Schutz des Lebens von Mensch, Tier und Pflanze. Der Begriff wurde auch in der Umweltbewegung gebraucht. Heute denkt man bei der Lebensschutzbewegung vor allem an Abtreibungsgegner und -gegnerinnen. Auch sie geben vor, das Leben schützen zu wollen, denken dabei aber vor allem an das ungeborene Leben. Sie wünschen sich für alle Kinder, dass sie in einer „traditionellen“ Familie mit Vater und Mutter aufwachsen.

Bei vielen Menschen sieht Familie aber anders aus: Es gibt viele alleinerziehende Mütter, Schwule und lesbische Paare können Eltern sein oder Kinder haben Geschwister von unterschiedlichsten Menschen.

In den Augen der so genannten Lebensschützer sind diese „anderen“ Formen von Familie nicht schützenswert. In den letzten Jahren bekommen solche Meinungen in vielen europäischen Ländern leider immer mehr Aufwind.

Die Lebensschutzbewegung vertritt konservative, zum Teil völkische und antifeministische Meinungen. Die sogenannten Lebensschützer haben dabei viele Feindbilder im Kopf und kämpfen gegen diese, manchmal mit Methoden wie Verleumdungen oder Psychoterror. Zum Beispiel, wenn sie Frauen vor Kliniken auflauern und versuchen von einem Schwangerschaftsabbruch abzuhalten. Sie reden zum Beispiel von einer „Homo-Lobby“ oder einem vermeintlichen „Genderwahn“ in Deutschland.

Mit ihren Positionen sprechen sie homosexuellen und queeren Menschen, aber auch Frauen insgesamt, ihr Recht auf Selbstbestimmung ab, und verleugnen tagtäglich erlebte Benachteiligungen und Diskriminierungen.

Die Lebensschutzbewegung ist gut vernetzt: national und international, über Politik und Kirche hinaus. In Deutschland gibt es etwa 60 Lebensschutz-Vereine, manche sind regional, andere bundesweit aktiv. Viele davon sind gemeinnützige Vereine – wem sie nutzen und wem nicht, wird aber schnell deutlich.

Die Methoden und Aktivitäten der sogenannten Lebensschützer

1. Beratungsstellen der Lebensschutzbewegung

Einige der Vereine geben vor, Beratung für Schwangere anzubieten – jedoch ohne den Frauen danach einen Beratungsschein auszustellen, wenn sie ihn haben möchten. Der Beratungsschein ist aber gesetzlich notwendig, damit ein Schwangerschaftsabbruch gemacht werden kann. Wenn Beratungsstellen diesen Schein nicht ausgeben, nehmen sie die Entscheidung der Frauen vorweg und sind somit nicht neutral und ergebnisoffen, wie es das Gesetz verlangt. Trotzdem hat die katholische Kirche entschieden, dass in den entsprechenden Beratungsstellen keine Beratungsscheine mehr ausgestellt werden dürfen.

2. „Gehsteigberatungen“

Teile der Lebensschutzbewegung führen die sogenannten „Gehsteigberatungen“ durch. Sie sprechen Schwangere in der Nähe von Kliniken oder Arztpraxen an, die Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Sie wollen Frauen so davon abhalten, abzutreiben.

„Lebensschützer“ bedrängen die Frauen und konfrontieren sie ungewollt mit Fotos, die angeblich abgetriebene Föten zeigen. Die sogenannten „Gehsteigberatungen“ setzen Frauen in schwierigen Situationen unter Druck und behindern die Möglichkeit einer Beratung oder medizinischen Versorgung. Sie stellen sogar manchmal Geld in Aussicht, wenn Frauen sich gegen eine Abtreibung entscheiden.

3. Anzeigen und Angriffe

Regelmäßig zeigen sogenannte Lebensschützer Gynäkologen und Gynäkologinnen an, die Abbrüche anbieten oder veröffentlichen deren Namen und Adressen, um sie unter Druck zu setzen. Viele Ärzte fühlen sich dadurch bedroht. Im November 2017 wurde die Ärztin Kristina Hänel wegen einer Anzeige des „Lebensschützers“ Klaus Günther Annen zu einer hohen Geldstrafe verurteilt, weil sie auf ihrer Webseite Informationen zum Schwangerschaftsabbruch bereitstellte. Solche Anzeigen und Urteile führt dazu, dass Ärzte und Ärztinnen sich nicht mehr trauen, auf Webseiten darüber zu informieren, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Das hat große Nachteile für Frauen, die versuchen, genau diese Informationen zu bekommen.

In den USA gehen radikale Vertreter und Vertreterinnen von Teilen der internationalen „Lebensschutzbewegung“ sogar noch weiter: Zuletzt wurden 2015 in Colorado Springs drei Menschen vor einer Frauenklinik von einem „Lebensschützer” erschossen, und dies war nicht der erste von „Lebensschützern” verübte Mord.

4. „Marsch für das Leben“ und Demonstrationen

Jährlich finden an vielen Orten (nicht nur) in Deutschland „Märsche für das Leben“ statt, der größte davon in Berlin. Diese bekommen viel Unterstützung von führenden Politikern und Politikerinnen, beispielsweise von Volker Kauder oder Hubert Hüppe, beides aktive Politiker der CDU.

Die Lebensschutzbewegung unterstützt in Deutschland aktiv auch die „Demos für alle“ und die „besorgten Eltern“. Die „Demos für alle“ richten sich keineswegs an alle, sondern gegen sexuelle Vielfalt, Gender Mainstreaming, Diversität und die Gleichstellung homosexueller Eltern und queerer Familien. Die „besorgten Eltern“ wettern gegen die „Frühsexualisierung“ von Kindern und sprechen sich gegen Aufklärungsunterricht an Schulen aus. Aber je besser Jugendliche aufgeklärt werden, desto weniger ungewollte Schwangerschaften gibt es.

Aktive und unterstützende Personen in der Lebensschutzbewegung

Unterstützung für die Lebensschutzbewegung gibt es einerseits von der rechtsnationalen AfD. Die extrem rechte Wochenzeitschrift Junge Freiheit fungiert zum Teil als Sprachrohr der AfD und der Lebensschutzbewegung. Ein Beispiel für die Zusammenarbeit von AfD und Lebensschutzbewegung: Die Vereinigung „Christen in der AfD“ hat in Baden Württemberg gemeinsam mit der Lebensschutz-Organisation „Christdemokraten für das Leben“ leider erfolgreich für die Schließung einer Klinik demonstriert, weil dort Abtreibungen durchgeführt wurden.

Beispielhaft für die enge Zusammenarbeit mit der AfD steht Beatrix von Storch (Beatrix Amelie Ehrengard Eilika von Storch, geborene Herzogin von Oldenburg): Sie ist stellvertretende AfD-Bundesvorsitzende und Mitglied im Bundestag.

Beatrix von Storch forderte den Einsatz von Schusswaffen an deutschen Außengrenzen. Immer wieder äußert sie sich rassistisch und feindlich gegenüber geflüchteten, schutzsuchenden Menschen. Sie bezeichnet sich selbst als Lebensschützer.

Sie ist ganz vorn dabei beim „Marsch für das Leben“ in Berlin und setzt sich gemeinsam mit ihrem Mann Sven von Storch gegen die Gleichstellung von Frauen, homosexuellen und queeren Menschen und Familien ein.

Auch Hedwig Freifrau von Beverfoerde ist eine dieser adeligen sogenannten Lebensschützer, die eng mit Beatrix von Storch und ihrem Mann zusammenarbeitet, zum Beispiel im Verein „Zivile Koalition“. Der Verein betreibt unter anderem die Blogzeitung „Freie Welt“, die der AfD sehr nahe steht, aber auch internationale Initiativen gegen Schwangerschaftsabbrüche. Beverfoerde gehört zum Redaktionsbeirat der „Freien Welt“. Sie war außerdem oft schon Anmelderin der „Demos für alle“.

„Lebensschutz“ = Adelsschutz?

Auffällig ist, dass viele prominente „Lebensschützer“ in Deutschland dem alten Adel entstammen. Für diese adligen „Lebensschützer“ ist die Familie auch deswegen so wichtig, weil sie das eigene Erbe und die eigenen Pfründe sichert. Es geht ihnen um den Erhalt ihres adeligen Standes. „Lebensschutz“ ist in diesem Sinne auch „Adelsschutz“, mit dem Ziel, Unterschiede zwischen Menschen in der Gesellschaft aufrecht zu erhalten und zu betonen.