Berliner Erklärung 2016

Viele bunte Regenschirme an Schnüren vor blauem Hintergrund

Wir setzen uns mit der Berliner Erklärung für eine Gesellschaft ein, in der alle Menschen in ihrer Verschiedenheit anerkannt werden und in der es für alle gleich möglich ist, ein gutes Leben zu haben.

Was ist richtig? Was ist das gute Leben?

Die Welt ist schnelllebig geworden, individuelle Freiheit und Selbstbestimmung erscheinen wichtiger als verbindliche Regeln für alle. Die Frage nach dem guten Leben sollen sich alle individuell beantworten: Ob nun vermeintlich richtiger Konsum (bio, fair trade, regional), Hedonismus (Party, Sex und Drogen) oder Work-Life-Balance (Yoga & Bircher Müsli), alles scheint okay. Alle sollen tun und lassen, was sie möchten, sofern das keine negativen Auswirkungen auf andere Menschen hat. Alle diese Antworten haben gemeinsam, dass sie auf einer individuellen Ebene liegen, obwohl die Frage nach dem guten Leben eine gesamtgesellschaftliche ist.

Nur weil alle die Freiheit haben, zu machen, was sie wollen, haben sie noch lange nicht die gleichen Möglichkeiten, diese Freiheiten auch zu nutzen. Daher braucht es kollektive Antworten, die gesellschaftlich ausgehandelt werden müssen.

Einige Menschen suchen diese kollektiven Antworten in alten, traditionellen Werten: Zum Beispiel einer „richtigen“ Familie oder klaren Geschlechterrollen. Dabei wird oft vergessen, dass dies nur Scheinantworten sind, die große Probleme aufwerfen: für alle Menschen nämlich, die nicht in diese Vorstellungen passen. Daraus folgen nämlich unterschiedliche Rechte. Die einen dürfen zum Beispiel heiraten und Kinder adoptieren, die anderen dürfen das nicht. Seit vielen Jahrzehnten gibt es viele wichtige Kämpfe gegen solche Diskriminierungen.

Gleiche Rechte für alle!

Der tiefe Respekt für alle Menschen, wie sie sind, ist ein starker Wert. Das bedeutet auch, die Bilder, mit denen man aufgewachsen ist, zu hinterfragen und zurecht zu rücken. Es ist eine Herausforderung, der wir uns im Leben stellen sollten. Denn wir leben nun mal mit anderen Menschen und nicht nur allein.

Damit meinen wir übrigens in keiner Weise, alles gut zu heißen, was Menschen tun! Denn wenn andere eingeschränkt werden, dann widerspricht das dem fundamentalen Anspruch nach gleichen Rechten für alle. Wenn also manche Menschen Frauen bedrängen, eine Schwangerschaft zu beenden oder fortzuführen, ist das nicht richtig. Wenn ein Neugeborenes operiert wird, um es an herrschende Geschlechternormen anzupassen oder Behinderte dazu genötigt werden, die Pille zu nehmen, damit sie sich nicht fortpflanzen, ist das ebenso falsch. In einer Gesellschaft, wie wir sie uns wünschen, sollen Menschen nicht über andere Menschen bestimmen.

Solidarität statt Konkurrenz

Aber es geht für uns noch weiter:

Es geht nicht nur um eine gleichberechtigte Gesellschaft. Wir wollen auch eine Welt, in der Menschen solidarisch miteinander leben und nicht in ständiger Konkurrenz zueinander stehen.

Im Moment buhlen wir gegenseitig um den besseren Job, das bessere Schnäppchen, das fettere Auto. Was der einen fehlt, hat vermeintlich der andere zu viel. So ist unser Denken geprägt. Die einen sind neidisch auf den Erfolg der Nachbarn, die anderen auf die Figur der Freundin. Wir sind damit aufgewachsen und deswegen ist es sehr schwer, solches Denken zu überwinden. Aber dieses Konkurrenzdenken trennt uns voneinander, es hält uns im ewigen Wettbewerb und es bedeutet vor allem: endloses Scheitern. Weil es immer noch besser geht, weil man immer noch mehr Geld haben und noch mehr leisten kann. Und das zu oft auf Kosten anderer Menschen.

Wir wollen stattdessen eine Gesellschaft, in der Menschen die gleichen Rechte haben und möglichst die gleichen Chancen. Eine Gesellschaft, in der wir uns gegenseitig dabei unterstützen, ein gutes Leben zu haben und in der wir selbst Unterstützung erfahren für unser Tun. Dazu ist eine ganz andere Welt nötig. Eine Welt, in der wir Arbeiten machen, weil sie für unser Zusammenleben nötig sind und nicht für unser Überleben. Und wo Menschen nicht deshalb etwas „wert“ sind, weil sie etwas leisten. Und eine Gesellschaft, in der nicht Nationalität oder Herkunft darüber entscheiden, wo Menschen leben.

Unsere Antwort in der Berliner Erklärung auf die Vereinzelung der Menschen liegt nicht in traditionellen und konservativen Vorstellungen, sondern in einer Gemeinschaft, in der Solidarität nicht an bestimmte Bedingungen geknüpft ist.

Das Rückbesinnen auf  die beschriebenen Werte und Vorstellungen der so genannten Lebensschützer führen nicht zu Solidarität und Nächstenliebe, sondern sichern Herrschaft und Macht zum Nachteil vieler Menschen. Auch ein Blick in die Geschichte lohnt sich:  Befreiungsbewegungen mussten sich immer gegen Konservative durchsetzen.

… auch global!

Dazu brauchen wir eine Welt, in der es keine Grenzen mehr gibt. Auf dem Weltmarkt konkurrieren verschiedene Nationen miteinander um Macht – ökonomisch wie auch politisch. Staaten versuchen, die Arbeitskraft in ihrem Land besonders billig zu machen, damit sich möglichst viele Firmen bei ihnen ansiedeln. Das bedeutet dann für viele Menschen niedrige Löhne und daraus folgend Armut. Manche Menschen fliehen deswegen aus sehr armen Ländern. Sie werden abfällig als „Wirtschaftsflüchtlinge“ bezeichnet und werden wieder abgeschoben. Der Pass bestimmt darüber, welche Grenzen Menschen überqueren, wo sie Urlaub machen und wo sie überhaupt leben dürfen. Das hat nichts mit einem guten Leben für alle zu tun. Menschen sollten nicht aufgrund ihrer Herkunft zu einem Leben in Armut oder in einer Diktatur verurteilt sein. Generell sollten alle Menschen frei entscheiden können, wo sie leben wollen.

Es wird leider noch lange dauern, bis wir das erreichen. Aber es lohnt sich, sich für Solidarität, die Anerkennung von Vielfalt und eine Welt ohne Grenzen einzusetzen. Und auch heute schon so weit wie möglich zu versuchen, diese Ansprüche in unserem Leben umzusetzen.